Gedanken zur Zeit

Verantwortungsvolle Freiheit


 „Meine Freiheit lasse ich mir nicht nehmen. Ich will und kann tun und lassen, was ich will.“ Seit der erste Schrecken der Corona-Pandemie vorbei ist, hört man das oft. Im Fernsehen haben wir mitverfolgen müssen, dass es in Stuttgart, Berlin und anderswo große Demonstrationen gegen Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen gab und gibt. Die Protestierenden wollen ihre Freiheit verteidigen, die der Staat ihnen mit Verordnungen zur Hygiene und zum Maskentragen ein Stück weit nimmt. Und inzwischen, wo alles lockerer geworden ist, gibt es am Wochenende große Partys in den Grünanlagen und immer mehr Menschen sind ohne Maske unterwegs. „Ich sehe nicht ein, warum das nötig ist“, sagen sie. „Ich kenne niemanden, der an Corona erkrankt ist. Ich will tun und lassen, was ich will. Nur ich habe Verantwortung für mich.“  
Vor 500 Jahren hat Martin Luther etwas Ähnliches geschrieben. Im Sommer 1520 kam seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ unter die Leute und bis heute ist das eine der Hauptschriften der Reformation. Was Luther damals verfasst hat, verbreitete sich wie ein Lauffeuer: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“. Luther hat damals von der Freiheit im Glauben geredet und damit ausdrücken wollen:
Wer auf Gott vertraut, der muss sich keinem Menschen unterwerfen. Gott hält sein Schicksal in der Hand und kein Mensch kann daran etwas ändern.                                                                                                  

Luther hatte das in der Bibel gelesen: „Nichts auf der Welt kann uns von Gottes Liebe trennen. (Röm, 38f )                                                                                                  
Dieser Glaube hat ihn stark und frei gemacht, sogar gegen den Kaiser und den Papst aufzustehen und zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Und ich lasse mir von keiner Autorität außer Gott und der Heiligen Schrift sagen, was ich zu glauben und für richtig zu halten habe. Daran orientiere ich mein Gewissen und mein Handeln.                        
„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge“. Für Luther hieß das aber ganz und gar nicht: Ich kann tun und lassen, was ich will. Er hat in seiner Freiheitsschrift nämlich noch einen anderen Satz daneben gestellt: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Freiheit hatte für Luther nämlich auch mit Verantwortung zu tun und mit Nächstenliebe. Er meinte, Freiheit sei nur möglich, wenn man Rücksicht nimmt auf die anderen. Freiheit sei damit nämlich immer auch die Freiheit der anderen. Und sie funktioniere nur, wenn auch die anderen frei sein können. Freiheit ist deshalb nie nur die Freiheit der vermeintlich Starken, die keine Angst haben vor einem bestimmten Zeitgeist oder eben vor dem Coronavirus. Auch die haben ein Recht auf Freiheit ohne Angst, z.B. dem Passivrauchen oder eben der Ansteckung mit dem Virus und wollen sich nicht vor einem zweiten Lockdown fürchten müssen. Denn alle haben ein Recht auf Freiheit, auch die vermeintlich Schwächeren. Der Apostel Paulus hat gemahnt: Wer stark ist, ist verpflichtet, die Schwächen von denen mitzutragen, die nicht so stark sind“ (Röm. 15,1).
Daraus folgt eigentlich: Christen sollten tun, was auch dem Nächsten nützt, ihm zumindest nicht schadet, was das Zusammenleben verbessert . Dazu nutzen sie ihre Freiheit. Christen sind frei. Aber wenn es für andere wichtig und gut ist, dann sollten sie bereit sein, ihre Freiheit einzuschränken. Denn meine Freiheit endet da, wo die des anderen anfängt. Wenn es für Alte und Kranke, wenn es für das Gesundheitssystem oder die Aufrechterhaltung von Schulbetrieb und Wirtschaft besser scheint: Dann bin ich bereit, Abstand zu halten und die Hände zu waschen und eine Maske zu benutzen, auch wenn dies mit vielen Unannehmlichkeiten verbunden ist.                                                 
Und wer das trotzdem nicht will? Der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno hat solches Verhalten „unverschämt“ genannt. Eine klare Aussage. Freiheit, die nicht an die Anderen denkt, ist irgendwo asozial, so hat er das wohl gemeint. So verstanden heißt Freiheit also nicht, dass man kann tun und lassen kann, was man will, sondern: Jede(r) ist frei, das zu tun, was allen nützt.                                                                                        
Und ich vermute, Luther hätte dem wohl zugestimmt.

Jürgen Grießhammer