Gedanken zur Zeit


Gedanken zum „Pharisäer“
Als überzeugter Kaffeetrinker liebe ich den Duft von frischem Kaffee. Wenn das heiße Wasser durch das Kaffeepulver wandert und das Getränk schwarz in die Glaskanne tropft -  dann ist er fertig, der Filterkaffee. Vielleicht gehören Sie auch zu den Genießern dieses Getränkes und vor Ihnen steht gerade eine Tasse voll.

Neben dem normalen Kaffee findet man auch Cappuccino, Espresso und vielerlei weitere Spielarten des klassischen, schwarzen Filterkaffees.

Dazu fällt mir ein altes Rezept ein: Man nimmt starken Kaffee, süßt ihn mit Würfelzucker, gibt 4 cl braunen Rum dazu und dann Schlagsahne darüber. Fertig ist – Sie ahnen es – der Pharisäer.

Wie aber erhielt dieses Getränk seinen Namen?
Eigentlich kommt die Bezeichnung aus der Bibel. Wenn man im Lexikon unter dem Begriff „Pharisäer“ nachliest, dann findet man als Erklärung unter anderem „Jüdischer Gelehrter, selbstgerechter Mensch, Heuchler“. Wir wissen ja, dass die Pharisäer im Neuen Testament oft sehr kritisch dargestellt werden und auch oft als Heuchler gelten, als solche, die eine weiße Weste haben und ihre schwarzen Flecken nach außen hin verdecken.
Bei einer Städtefahrt nach Hamburg feierte unsere Fremdenführerin ein persönliches Fest und spendierte allen Mitfahrenden einen solchen Pharisäer. Dabei erzählte sie uns folgende Geschichte:

Einer Legende nach gab es auf einer Insel einen sehr strengen, asketischen Pastor, in dessen Gegenwart  die Bewohner keinen Alkohol tranken, jedenfalls solange er es nicht mitbekam. Deshalb bereiteten die Menschen ihren Kaffee mit Rum zu und verschlossen alles mit einer Sahnehaube. So verdunstete der Alkohol nicht und man konnte nichts riechen. Der Pastor erhielt selbstverständlich immer einen „normalen“ Kaffee mit Sahne.
Es ist nun nicht bekannt, ob er diese List bemerkte oder einmal versehentlich zum Kaffee mit „Zusatz“ griff. Doch als er es herausfand, soll er ausgerufen haben: „Oh, ihr Pharisäer!“     Daher, so unsere Reiseleitung, rührt also der Legende nach - der Ursprung für den Namen von Kaffee mit Rum.

Das von ihr gespendete  Getränk schmeckte übrigens sehr gut, es wurde nach seinem Genuss deutlich ruhiger im Bus – offenbar ein extrastarker Pharisäer!

Ich nippe an meinem Kaffee - etwas unvorsichtig - so dass ein Tropfen auf die weiße Tischdecke fällt und dabei einen schwarzen Flecken hinterlässt.   
Und ich werde nachdenklich. Schwarze Flecken, Tropfen auf der Seele – die haben wir doch alle. Aber wir wollen unter allen Umständen vermeiden, dass man sie sehen kann. Also – wegwischen, Sahne drüber sprühen, das Gesicht wahren, muss ja nicht jeder wissen. Und das stimmt ja auch.
Einer aber, der weiß das bestimmt, weiß, dass Alkohol im Schwarzen schwimmt, obwohl man ihn nicht riecht, kennt unsere schwarzen Flecken. Er weiß dies und - liebt den Pharisäer trotzdem.                                            
Vor ihm müssen wir uns nicht verstecken und brauchen unsere schwarzen Flecken nicht weiß überdecken. Bei ihm dürfen wir so sein, wie halt nun mal sind – Menschen mit Flecken. Danke, Gott! 
                                        
(Quelle: Tägliche Andachten für alle)
 

Foto: Hagen Grothe (Kochen und genießen)

Jürgen Grießhammer, Vertr.mann i. KV und Lektor