Gedanken zur Zeit

Gedanken zu „Gnade“

Ich liebe Worte, besonders die bedrohten, alten, die in Vergessenheit geratenen oder nicht mehr so gebräuchlichen, solche wie „Labsal“ oder  „Kleinod“. Sie sind vom Aussterben bedroht und auch Opfer der sprachlichen Entwicklung und Veränderung. Dabei stellen sich so schöne Bilder ein, wenn man sie hört oder liest; z.B. „Dreikäsehoch“ – keine drei Käse übereinander, sondern halt ein kleiner „Knirps“.

Viele alte Wörter haben wir zu Grabe getragen und da ruhen sie also in Frieden. Worte wie „Huld“ zergehen einem so richtig auf der Zunge oder sind Zungenbrecher wie „Pfeffersack, Eselsbank. Über manche dieser Wörter könnte man „frohlocken“, aber das sagt man ja auch nicht mehr.

Folgt man den Spuren dieser Wörter, dann stößt man früher oder später auch auf solche aus der Bibel. Hier sind ebenso manche in Vergessenheit geraten, wie z.B. das kleine Wörtchen „gen“: „Nach etlichen Tagen zog Jesus gen Kapernaum“, so hieß es noch in alten Lutherbibeln. Klingt doch viel bedeutsamer als das schlichte „nach“, wie es heute in neueren Bibelausgaben steht.

Martin Luther hat die deutsche Sprache bei seiner Bibelübersetzung entscheidend geprägt. Er schuf dabei solch treffende Ausdrücke wie „Stein des Anstoßes“ und dass „niemand sein Licht unter den Scheffel“ stelle. So hat er auch den Satz übersetzt, der im Zentrum seines Glaubens stand: „Aus Gnade seid ihr selig geworden“ .                 „Gnade“ – leuchtet uns dieses Wort noch ein? Erreicht es uns noch?

Es klingt fremd in unserer Zeit, die den Erfolgreichen in den Mittelpunkt stellt. Bei uns heißt es doch: Du musst etwas sein, damit du etwas wirst. Schon in der Schule kommt es auf gute Noten an, im Beruf musst du top sein, im Sport möglichst auch. Wenn du nun Fehler begangen hast, alt oder krank geworden bist, was dann? Was bedeutet in diesem Zusammenhang „Gnade“?

Wer zur Worterklärung im Internet nachschaut, findet die Deutung „Gunst“ oder „Wohlwollen“. Mir hat das nicht gereicht. Von einer lebenserfahrenen Person habe ich Folgendes gelesen: „Mit dem Wort Gnade tue ich mich etwas schwer. Klingt „gnädig“ nicht etwas von oben herab? Verhielt sich Jesus gnädig wie ein gnädiger Richter gegenüber Zachäus – oder war er einfach nur hellhörig und zugewandt? Spannend, dem Gedanken der „Gnade“ mal nach zu gehen. Ich mag die Aussage: Lass Dir an meiner Gnade genügen!“

Ja – manch alte Wörter brauchen tatsächlich eine Übersetzung und dann leuchten sie wieder. „Gnade“ bedeutet eben nicht, dass Gott uns von oben herab behandelt wie ein Monarch, der Gnade vor Recht ergehen lässt oder wie ein Richter, der ein Gnadengesuch anhört. Nein, Gott beugt sich nicht herab – er wendet sich uns zu, so wie Jesus sich den Menschen seiner Zeit zuwandte.

„Gnade“ bedeutet: Gott ist „hellhörig“, denn er hört uns zu und will das Dunkle in uns hell machen. Was für ein schöner, tröstlicher Gedanke in dieser nicht so schönen Zeit!

https://i.pinimg.com/236x/18/a1/3c/18a13cf9097da3978f2761d5bc407135.jpgJürgen Grießhammer

 

 

 

 

 

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