Gedanken zur Zeit

Gedanken zum Gebet

„Beten heißt nicht, sich selbst reden zu hören. Beten heißt: Stillewerden und Stillesein und Hören, bis der Betende Gott hört.“ (Sören Kierkegaard)
Ich denke, Gebetserfahrungen sind so verschieden wie wir Menschen auch. Die einen sind von Kind an darin geübt und merken irgendwann, dass sich ihr Gebet im Lauf der Zeit verändert. Andere wagen erst später tastende Schritte.
Sie kennen Stoßgebete mit Wirkung, oft das Vaterunser oder erinnern sich an das, was sie im Konfirmandenunterricht gelernt haben: „Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott ...“, also  Ausdruck der Gottesbeziehung. Ohne das Gebet ist alles Wissen von Gott eigentlich nur theoretisch. Viele überlieferte Texte zeigen uns, wie Menschen in längst vergangenen Zeiten Gott erfahren haben. Wir erkennen, dass sie oft lange warten mussten, bis Gott geantwortet hat. Trotzdem sind sie dabeigeblieben, auch wenn sie schon innerlich müde und ausgebrannt waren.
Die Psalmen sind eine Sammlung von Liedern und Gebeten in unserer Bibel. Wenn wir sie aufmerksam lesen, merken wir, dass Gott unser Gebet nicht braucht. Wir müssen ihn nicht pausenlos daran erinnern, sich um diese oder jene Sache zu kümmern. Vielmehr wird deutlich, dass wir Menschen dieses Gespräch, die Begegnung in Stille und Schweigen und Vertrauen benötigen, um nicht ständig von allen möglichen Ängsten und Befürchtungen umgetrieben zu werden.
In seinem kleinen Büchlein „Gebet als Begegnung“ deutet Pater Anselm Grün die Begegnung zwischen Maria und Elisabeth (Lk 1,35-56) als eine Gebetserfahrung. Maria bekommt als junges Mädchen Besuch vom Engel Gabriel, der ihr sagt, dass sie zur Mutter des Messias berufen wurde. Kurze Zeit später ist die himmlische Erscheinung wieder verschwunden. Niemand war dabei. Es gibt keine Zeugen. Die bestätigen könnten, dass sich Maria diese Begegnung nicht eingebildet hatte. Der einzige Hinweis auf einen menschlichen Beistand war die Sache mit ihrer Verwandten Elisabeth, die im hohen Alter noch schwanger wurde.
Lukas schreibt, dass Maria sich kurz nach diesem Ereignis, das ihr junges Leben völlig durcheinanderbringt, auf den Weg zu dieser Verwandten macht.
Sie verlässt Nazareth, um Elisabeth in den Bergen Judäas zu besuchen. Dort wird sie mit Freude empfangen, denn Elisabeth ahnt, warum Maria kommt. Ihr Kind hat vor Freude in ihrem Leib zu strampeln begonnen und Maria erfährt die erste Bestätigung ihrer Berufung aus menschlichem Mund, auch weil sie ist nicht in ihren Fragen und Zweifeln steckengeblieben ist.
Diese Schritte beschreibt Pater Anselm als Geheimnis der Begegnung im Beten. Wenn wir das Gespräch mit oder das Schweigen vor Gott suchen, erbitten wir von ihm Orientierung, Zuspruch, Trost, Wegweisung. In der Begegnung mit Elisabeth klärt sich ihre Situation und dann erst kann Maria ihr Loblied auf Gottes Treue anstimmen. Ihre Sehnsucht nach Bestätigung und Hilfe hat sich erfüllt.
Das Gebet ist also ein tiefes Beziehungsgeschehen zwischen dem dreieinigen Gott und uns Menschen und das dauert oft seine Zeit, so wie alle menschlichen Beziehungen, die meist leise und verborgen anfangen  und gepflegt werden müssen. Wenn man gleich alles erwartet, werden sie oft zerstört. Das gilt auch für das Gebet, das kein  Wunscherfüllungstermin ist. Sonst sind wir enttäuscht, wenn offenbar nichts geschieht. „Ich habe zu Gott doch gebetet. Warum hilft er mir denn nicht?“
In vielen Geschichten und Begegnungen in unserer Bibel wird uns deutlich gemacht, dass das Gebet keine menschliche  „Glaubensleistung“  An die Gemeinde in Rom schreibt Paulus: „Wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen“ (Rö 8,26).
Von Jesus lesen wir, dass er selber sich zurückzieht in die Stille vor Gott und betet (Mt 14,23).
„So ist das Gebet der Raum, die Liebesbeziehung zu Gott zu pflegen, um darin immer neu die Einmaligkeit unseres Lebens zu begreifen.“
Quelle: Anselm Grün, Gebet als Begegnung

Beten
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Jürgen Grießhammer, Vertrauensmann im KV